Eigentlich ist das sogenannte „Zielfischangeln“ überhaupt nichts für mich. Zu schnell drehen sich die Gedanken nur um diesen einen besonderen Fisch. Dabei ist der Weg dorthin, mit all seinen schönen Facetten, Erlebnissen, Abenteuern und andern Fischen mindestens genauso viel wert. Doch dieses eine Mal hat es mich auch erwischt, dass Jagdfieber auf einen ganz besonderen Karpfen. Acht Monate konsequentes Angeln an nur einem Gewässer. Acht Monate an denen ich so viel Zeit wie nur möglich damit verbrachte meinen Zielfisch zu überlisten. Aber lest selbst:

Bei einem Spaziergang mit Sabrina und Hund Spike weckte ein See mein Interesse. Dieser wunderschöne Fleck Erde, über den ich kaum Informationen fand und den ich noch nie beangelt hatte, jedoch schon mehrere Jahre kannte.

Ich sah ein paar dunkle Krautfelder, die sich bis zur Wasseroberfläche erstreckten. Ich staunte nicht schlecht, denn bei genauerem Hinsehen entpuppten sich diese Krautklumpen als Karpfen. Somit war ich sofort Feuer und Flamme für diesen sehr klaren See. Er lud förmlich zum Schnorchel ein.

Ich nahm gerade einen tiefen Atemzug, um erneut etwas länger ab zu tauchen und dann, einige Sekunden später sah ich Ihn! Majestätisch, schwerelos und keine 5 Meter vor mir. Eine halbe Zeile schmückte seine Flanke und der Rücken war dunkel und breit. Ein Wendemanöver offenbarte mir die andere, fast noch schönere Seite. Ich wollte Ihn unbedingt fangen! Etwas weiter konnte ich noch weitere Karpfen erspähen. Mein Plan stand, noch bevor ich meinen Tauchgang beendete.

Ich schnappte mir meinen C*Falteimer und verteilte ca. 5kg Boilies, Pellets und Groundbait um das Vertrauen der Karpfen zu gewinnen. Ich war schon lange nicht mehr so aufgeregt.

Als ich am nächsten Morgen an meiner favorisierten Stelle ankam, war alles aufgewühlt. „Yes, Jackpot!“ dachte ich. Es kam wie es kommen musste. Die Fische waren da, sie fraßen und rollten sich, aber meine Bissanzeiger schwiegen. Zwei Nächte lang tat sich absolut nichts. Aufgeben war aber keine Option. Deswegen versuchte ich mit verschiedenen Rigs und Ködern endlich zum Erfolg zu kommen, was mir auch gelang.

Trotzdem war es schwer, kontinuierlich Fische zu fangen. Ich will nicht behaupten, dass die Karpfen dort schlauer sind, aber sie sind anders. Jedes „allgemein Rezept“ versagte an diesen Pool. Das Angeln dort hat mich weitergebracht und ich habe viel gelernt. Dadurch konnte ich ca. 40 verschiedene Schönheiten ablichten. Ab und zu gab es auch Doppelfänge, aber mein Zielfisch ließ sich einfach nicht blicken.

Irgendwann kam dann so langsam der Tunnelblick. Steif, fixiert und fokussiert hoffte ich bei jedem Drill nur noch auf diesen einen besonderen Fisch. Klar freute ich mich über jeden Fisch, war aber auch etwas enttäuscht, weil sich der Prinz nicht blicken ließ.

Nach einer Phase in der unsere Schuppenfreunde einfach nicht beißen wollten, blieb ich auch unter der Woche weiter am Ball. Ganz nach dem Motto: „Irgendwann werden sie fressen.“

Die Sonne verschwand gerade am Horizont, da meldete sich mein linker Delkim. Bingo, ich war wieder „in the Game“. Ich konnte einen kugelrunden Schuppi in bester Abendstimmung fotografieren.

Nachts gegen 1 Uhr bekam ich erneut ein paar Piepser. Schon nach kurzer Zeit spürte ich, dass meine Schnur irgendwo drüber ratschte. Ich versuchte meinen Gegner so zu beeinflussen, dass er von dem Hindernis wegschwimmt, aber das klappte natürlich überhaupt nicht. Die Sau schwamm sich bombenfest. Ich versuchte alles um den Drill weiter zu führen, aber leider vergeblich. Ich lief mit meiner Rute, am ausgestreckten Arm und Richtung Himmel zeigend, am Ufer von rechts nach links. Durch die Uferbüsche und Bäume war das aber alles andere als einfach. Dazu schwitzte ich wie ein Wasserfall, da die Nacht sehr mild war.

Zurück am Pod legte ich die Rute hin und wartete ab. Etliche Gedanken schossen mir durch den Kopf: Was, wenn ich den Fisch verliere? Schlimmer noch: Was, wenn es der eine Besondere ist? „FU**“

Ändern konnte ich es sowieso nicht, darum entschloss ich mich mit aller Kraft zu ziehen. Haken für Kindergeburtstage sind in solchen Situationen fehl am Platz. In diesen Momenten weiß ich, dass mich der KSX Haken nicht im Stich lässt. Das Flexolink Vorfachmaterial bekommt ebenfalls mein vollstes Vertrauen. Die Rute bis zur Kotzgrenze gebogen, stand ich knietief im Wasser. Es ruckte zweimal und der Fisch kam tatsächlich frei. Mein Kontrahent wehrte sich erneut mit aller Kraft, wie ein U-Boot versuchte er im tiefen Wasser zu verharren. Ab und zu riss er mit Gewalt einige Meter Schnur von der Rolle, ich war entschlossener denn je und hielt dagegen, dadurch übernahm ich die Führung. Meine Knie zitterten, denn ich wollte unbedingt wissen was da am anderen Ende kämpft. Nach einigen Adrenalinschüben und bangen Minuten konnte ich das Keschernetz endlich um meinen Gegner schlingen. Ich bekam am ganzen Körper Gänsehaut, denn dort im Kescher lag er, der Halbzeiler-Prinz. Der ganze Ballast fiel von mir ab und den Jubelschrei konnte ich mir nicht verkneifen. Ich war am Ziel meines Wegs.

Ich fühlte mich wie auf einer langen Reise. Am Anfang merkt man den gewichtigen Rucksack gar nicht, aber Meter für Meter und Schritt für Schritt wird er etwas schwerer. Langsam wird er zur Last und die Nackenmuskulatur verspannen. Die Gedanken drehen sich nur noch um den schweren Rucksack und wann man ihn endlich loswird.
Am Ziel angekommen, kann man ihn abwerfen und realisieren, dass der ganze Weg das Ziel ist.

Fazit: Zielfischangelei ist mit Vorsicht zu genießen. Schnell verfällt man in eine Art Tunnelblick. Ich für meinen Teil, habe daraus gelernt einfach angeln zu gehen und mich nach wie vor über jeden Fisch zu freuen. Ich werde weiterhin Karpfen haben die ich gerne fangen möchte, aber ich werde diesen Fischen nicht mehr so verbissen hinterher angeln.

Grüße,

Kai Augsburg

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